Übergewicht erhöht Arthrose-Risiko

Orthopäden und Unfallchirurgen verbessern die Lebensqualität von übergewichtigen Patienten und unterstützen den Weg für ein gesundes Abnehmen.

Jeder zweite Deutsche ist übergewichtig. Das belastet neben dem Herz und dem Kreislaufsystem vor allem die Gelenke, insbesondere das Kniegelenk. Wer zu viele Kilos auf die Waage bringt, erhöht sein Risiko deutlich, bereits im mittleren Alter an Arthrose zu erkranken. Häufig hilft dann nur noch ein künstliches Gelenk. Orthopäden und Unfallchirurgen raten daher dazu, Übergewichtige über Gelenkprobleme frühzeitig aufzuklären und ihre Mobilität zu erhalten oder wieder herzustellen. Denn nur so lässt sich auch das Übergewicht wirkungsvoll bekämpfen. Wie Orthopäden und Unfallchirurgen Arthrose bei übergewichtigen Patienten erfolgreich behandeln, erläutern Experten im Vorfeld des Deutschen Kongresses für Orthopädie und Unfallchirurgie (DKOU) in Berlin.

Immer häufiger kommen hierzulande Übergewichtige mit Schmerzen in den Knie- oder Hüftgelenken zum Orthopäden. „Dass die Beschwerden eine Folge des hohen Körpergewichts sind, ist den Betroffenen oft nicht bewusst“, erklärt Dr. med. Johannes Flechtenmacher, DKOU-Kongresspräsident des Berufsverbandes der Fachärzte für Orthopädie und Unfallchirurgie (BVOU). Dabei zählen überschüssige Kilos neben dem Alter zu den maßgeblichen Risikofaktoren für Arthrose. Die weltweit häufigste Gelenkerkrankung trifft in Deutschland ein Drittel der über 60-Jährigen: Der Gelenkknorpel nutzt sich ab und der Körper ist nicht in der Lage, ihn zu erneuern. Gerade deswegen sei es wichtig, die Gelenke gesund zu halten, so Flechtenmacher. „Orthopäden und Unfallchirurgen sollten bei ihren Patienten so früh wie möglich ein Bewusstsein dafür schaffen, dass Übergewicht nicht nur dem Herzen, sondern auch den Gelenken schadet.“

Wer schon in jungen Jahren übergewichtig ist, geht ein besonders hohes Risiko ein, bereits im Alter von 30 bis 40 Jahren Arthrose in den Kniegelenken zu bekommen. Neben der mechanischen Überlastung produziert das Körperfett hormonähnliche Stoffe, die das Gelenk zusätzlich schädigen, indem sie Entzündungen verursachen. Die vielen Kilos belasten die Gelenke bei jeder Bewegung mehr als doppelt so stark wie im Stehen: „Wer 150 Kilogramm wiegt, belastet seine Gelenke beim normalen Gehen wie jemand mit 425 Kilogramm im Stehen“, erklärt Flechtenmacher im Vorfeld des DKOU 2014, der von der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU), der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädischen Chirurgie (DGOOC) sowie dem BVOU ausgerichtet wird. Schnelles Laufen strapaziert die Gelenke noch stärker.

Dennoch sei es wichtig, dass Betroffene sich bewegen, um das Übergewicht abzubauen und das Fortschreiten der Arthrose aufzuhalten, so Flechtenmacher. Oft helfen Medikamente und orthopädietechnische Maßnahmen, die Arthrose-Schmerzen zu lindern und dadurch körperliche Bewegung zu ermöglichen. „Auch wenn wir dem Patienten schließlich doch ein künstliches Gelenk einsetzen müssen, ist es wichtig, dass dies mit einer Gewichtsabnahme und regelmäßiger Bewegung einhergeht“, betont der niedergelassene Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie. Dann kann ein künstliches Gelenk bei stark übergewichtigen Menschen nicht nur die Lebensqualität und Mobilität erhöhen, sondern auch helfen, Gewicht zu senken. „Unsere Kunstgelenke sind heute so weit entwickelt, dass sie auch hohe Belastungen aushalten. Außerdem sind Orthopäden und Unfallchirurgen auf diese leider stark steigende Patientengruppe mit individuellen Therapiekonzepten und einer entsprechenden OP-Ausstattung gut vorbereitet“, so Flechtenmacher. Mit dem neuen Knie- oder Hüftgelenk werden viele Patienten wieder schmerzfrei und können damit auch ihre Aktivität steigern. Schnelle Sportarten mit starker Stoßbelastung wie beim Joggen oder Tennis sollten vermieden werden. Schwimmen, Fahrradfahren, Walking oder Aquajogging sind dagegen vor, aber auch nach einer Gelenkoperation gut geeignet.

„Auf Bewegung komplett zu verzichten, ist für Menschen mit Übergewicht die schlechteste Lösung“, warnt der Experte und betont, wie wichtig eine umfassende Therapie der Arthrose bei Übergewichtigen sei: „Als Orthopäden und Unfallchirurgen müssen wir hier auf ein optimales Zusammenspiel aus Gewichtsreduktion, Bewegung und der manchmal notwendigen operativen Expertise setzen.“ Nur so sei die Therapie wirksam und verhelfe den Patienten auch dauerhaft zu neuer, schmerzfreier Beweglichkeit und mehr Lebensqualität. Über diese und andere Behandlungsmöglichkeiten für adipöse Patienten mit Gelenkproblemen diskutieren Experten vom 28. bis 31. Oktober 2014 auf dem DKOU in Berlin. Mit einem Charity-Lauf zur Behandlung und Prävention von Adipositas im Kindesalter wollen sie zusätzlich auf die gesellschaftliche Relevanz des Problems hinweisen.

Informationen zu Arthrose von der Rheuma-Liga

Publikationen zum Thema Arthrose der Rheuma-Liga

Pressemitteilung vom DKOU zum Thema Arthrose

Mit dem Begriff der „Arthrose“ wird eine Gruppe von Erkrankungen bezeichnet, die sich zwar in ihrer Entstehung unterscheiden können, jedoch mit einem ähnlichen biologischen, morphologischen und klinischen Verlauf einhergehen. Arthrosen sind die häufigsten Gelenkerkrankungen, da sich radiologisch degenerative Veränderungen bei mindestens 70% der Bevölkerung im Alter von mehr als 65 Jahren nachweisen lassen. Die Erkrankung befällt nicht nur den Gelenkknorpel, sondern das gesamte Gelenk, einschließlich Knochen, Bändern, Gelenkkapsel, Synovialmembran und periartikulärer Muskulatur. Letztendlich führt sie zu einem Abbau des Gelenkknorpels sowie schließlich zu einem vollständigen Knorpelverlust (Kuettner u. Goldberg 1995).

Es wird die primäre Arthrose mit letztlich ungeklärter Ursache von sekundären Arthroseformen unterschieden, bei denen die auslösenden Faktoren bekannt sind. Einige wenige Risikofaktoren scheinen für beide Gruppen eine Rolle zu spielen: So steigt mit zunehmendem Alter sowohl die Häufigkeit als auch der Schweregrad von Arthrosen. Neben dem Alter sind auch geschlechtsgebundene Risikofaktoren festzustellen, da die Häufigkeit vor dem 45. Lebensjahr bei Männern und ab dem 55. Lebensjahr bei Frauen größer ist. Zusätzlich scheinen genetische Faktoren eine Rolle zu spielen. Bei sekundären Arthroseformen lassen sich unterschiedliche Erkrankungen abgrenzen, die eine Rolle spielen können: Hierzu zählen u.a. Unfallverletzungen, mechanische Faktoren (Achsabweichungen, etc.), Stoffwechselerkrankungen, Entzündungen und gelenkspezifische Vorerkrankungen.

Hier ein Beispiel für die Folgeschäden, die eintreten, wenn eine Hüftgelenksluxation bei Dysplasie nicht behandelt wird: Sie sehen eine schwere Hüftgelenksarthrose. Verwandtes Thema: Ultraschall Diagnostik

Polyarthrose der Hände

Diagnostik

Die Diagnose einer Arthrose wird derzeit sowohl klinisch als auch radiologisch gestellt. Leit- und Frühsymptome sind Schmerzen. Sie werden von Bewegungseinschränkungen, Wetterfühligkeit und Reibegeräuschen im Gelenk begleitet. In fortgeschrittenen Fällen kommt es zur Verdickung von Gelenkkonturen, Deformierung, Instabilität, Muskelabbau sowie zu Fehlstellungen und Muskelkontrakturen. Zusätzlich kann ein Reizerguß, insbesondere beim Auftreten einer „aktivierten Arthrose“ (Otte 1969) vorliegen.

Radiologische Zeichen der Arthrose (die im Frühstadium fehlen können) sind Gelenkspaltverschmälerung, Knochenverdichtung (subchondrale Sklerosierung), knöcherne Auswüchse (Osteophytenbildung) sowie (subchondrale) Zystenbildung. In manchen Fällen kann auch eine Verkalkung des Knorpels (Chondrocalzinose) beobachtet werden.

Neues röntgenologisches Spezialverfahren zur Darstellung von Gelenkoberflächen (Prof. Mollenhauer Uni Jena mit Genehmigung)

Therapie

Indikationsstellung zur Therapie

Wird das Vorliegen einer Arthrose festgestellt, sollte zunächst nach Grunderkrankungen bzw. Risikofaktoren gesucht und - falls identifizierbar - eine zielgerichtete Behandlung eingeleitet werden. Ist dies nicht möglich, so muß eine symptomatische Therapie der vom Patienten geklagten Beschwerden beginnen. Hierbei stehen unterschiedliche Alternativen zur Verfügung.
Grundsätzlich ist zu beachten, daß nur etwa 20-30% der Patienten mit radiologisch nachweisbarer Arthrose Schmerzen haben, die eine analgetische Behandlung erforderlich machen.

Therapieziel

Die Ziele der Arthrosetherapie bestehen primär in einer Schmerzbeseitigung, der Wiedererlangung einer verbesserten Gelenkfunktion sowie einer Verminderung der Progredienz morphologischer Veränderungen.
In der Behandlung stehen mehrere Alternativen zur Verfügung, die einzeln oder in Kombination zur Anwendung kommen:

  • Allgemeine Maßnahmen
  • Physikalische Therapie
  • Pharmakotherapie
  • Orthopädie-Technik
  • Operative Therapie

Stadien degenerativer Veränderungen von Gelenkknorpel am Beispiel von Hüftknorpel.(Beitrag von Prof. Mollenhauer Uni Jena mit Genehmigung)

Die verwendete Safranin O/ Lichtgrün-färbung zeigt den Proteoglykangehalt an, wobei rot den normalen, hellorange leicht reduzierten, weiß stark reduzierten und blau/blaugrün fehlendes Proteoglykan anzeigt. Die Beispiele sind entlang der Gradierung nach Mankin [Reimann I, Mankin HJ, Trahan C: Quantitative histologic analyses of articular cartilage and subchondral bone from osteoarthritic and normal human hips. Acta Orthop Scand 48:63-73 (1977)] sortiert. A: Normaler Knorpel. B: Knorpel mit intaktem Schicht- und Zellaufbau und mäßigem Proteoglykanverlust. C: Knorpel mit intakten Schicht- und Zellaufbau und stark reduziertem Proteoglykangehalt. D: Knorpel mit Abriebverlusten in den oberen Schichten, darunter Reparaturknorpel mit normalem Proteoglykangehalt. E: Knorpel mit Abreibverlusten an der Oberfläche, Fibrotisierung der Oberfläche, partiell starken Proteoglykanverlusten, Clusterbildung und Hypertrophierung der Knorpelzellen. F: Wie E, aber mit fortgeschrittenen Proteoglykanverlusten. G: Wie F, aber zusätzlich Verlust der fibrotisierten Oberfläche. H: Degeneratives Kallusgewebe mit Restbeständen von Proteoglykanen, Knorpelzellen fehlen. I: Narbengewebe ohne funktionelle Komponenten. K: Totalabrieb der knochendeckenden Schicht, nur noch Restbestände mineralisierten Knorpels. Häufig sind mehrere Stadien im selben Gelenk an verschiedenen Stellen auffindbar.Sehr wahrscheinlich wird eine pharmakologische Intervention nur bis zum Stadium C voll erfolgreich sein können. Kombinierte pharmakologisch-chirurgische Interventionen mögen in den danach folgenden Stadien eine Chance haben, wenn es gelingt, die vorhandene restlichen Knorpelzellen mit noch zu entwickelnden Methoden des Tissue Engineering zu aktivieren. Ab dem Stadium H wird das Gelenk immer irreversibel verkrüppelt bleiben.

Als chronische Erkrankungen erfordern Arthrosen langfristige Therapiekonzepte und dies gilt insbesondere für operative Therapiemaßnahmen. Bei einer entsprechenden Therapieplanung sind deshalb vielfältige Faktoren, die die Indikationsstellung und Auswahl des adäquaten operativen Verfahrens beeinflussen, zu berücksichtigen: Hierzu gehören neben Art und Ausmaß degenerativer Gelenkveränderungen auch der Funktionszustand benachbarter Gelenke sowie eine zu erwartende Progression der Arthrose. Weitere individuelle Faktoren, wie das Alter des Patienten, der Leidensdruck, die Motivation, die zu erwartende Mitarbeit in der postoperativen Rehabilitation und das allgemeine Operationsrisiko - insbesondere bei älteren Menschen - haben eine große Bedeutung.
Alternativ oder begleitend sind konservative Therapiemaßnahmen grundsätzlich in die Behandlung mit einzubeziehen.

Perspektiven für neue Behandlungsformen

Durch neue biochemische, zellbiologische und molekularbiologische Techniken ist es in den letzten Jahren gelungen, neben bisher unbekannten Molekülen verschiedene Zytokine und Wachstumsfaktoren zu identifizieren und deren Eigenschaften in biologischen Systemen zu charakterisieren. Dieses ist auch für eine Vielzahl von Molekülen aus dem Gelenkknorpel geschehen. So gibt es Hinweise darauf, dass evtl. Wachstumsfaktoren aus der TGF-ß-Superfamilie bei der Stimulation von Reparaturmechanismen im Knorpel eine Rolle spielen könnten (Flechtenmacher 1996).

Wachstumsfaktoren und Zytokine

  • Insulin und IGF-1
  • Proteine der TGF-b-Familie insbesondere BMP "Bone morphogenetic Proteins"
  • Interleukine 1,6
  • TNF-a
  • Prostaklandine und Leukotriene
  • Neuropeptide: Substanz P und Bradykinin

Experimentelle Therapieansätze beinhalten neben der Applikation von Wachstumsfaktoren die Transplantation von Chondrozyten, Stammzellen, synthetischen Matrices oder eine Kombination dieser unterschiedlichen Ansätze.

Noch ist der langfristige Wert entsprechender Behandlungsmethoden keinesfalls bewiesen. Jedoch bleibt zu hoffen, daß die zunehmende Kenntnis der Regulationsmechanismen des gesunden und kranken Knorpelstoffwechsels die Möglichkeit eröffnet, pharmakologisch und/oder knorpelchirurgisch einzugreifen, um letztendlich dem Patienten eine optimale Therapie zu bieten.

Was gegen Gelenkschmerz wirklich hilft

Lesen Sie hierzu die Informationen aus dem Focus.

   
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